UmweltBriefe -<wbr> Aus Kommunen und Forschung
HOME AKTUELL ARCHIV SUCHEN UEBER UNS IMPRESSUM PROBEABO MEDIADATEN
Ausgabe Januar 2017
Bürgerinfo
 
Titel
Merk-Wuerdiges
Kommunen und Regionen
Aus Unternehmen und Forschung
Best Practice
Best Practice
EU-Politik
Immissionsschutz
Abfall
Energie
Naturschutz
Boden
Mobilität
Klima
Publikationen
Bürgerinfo
 
Diesen Beitrag können Sie im Rahmen eines Abonnements unter Angabe der Quelle und gegen Benachrichtigung kostenfrei verwenden.
 

Umweltbriefe

Foto: Sabine Weiße/pixelio.de
Foto: Andreas Roloff

 

Baum des Jahres 2017, die Gemeine Fichte
Vom Brot- zum Notbaum

Über keine andere heimische Baumart wird so viel gestritten wie über die Gemeine Fichte. Als „Brotbaum“ von Forstwirten geschätzt, als naturferne Monokultur von Umweltschützern verachtet. Das Prädikat Baum des Jahres soll nun mehr Klarheit in die Diskussion und die künftige Entwicklung dieses Baumes bringen, begründet das „Kuratorium Baum des Jahres“ seine Wahl.

von Tim Bartels

Es gebe nur wenige Regionen in Deutschland, in denen die Fichte von Natur aus wirklich heimisch ist, sagt Baumexperte Rudolf Fenner, der im Kuratorium die Umweltorganisation Robin Wood vertritt. „Vor allem die höheren Lagen der süd- und ostdeutschen Mittelgebirge und der Alpen, wo sie zusammen mit Buchen und Weißtannen die Bergwälder prägt.“ Nur dort könne sich Picea abies, wie die Gemeine Fichte im Fachjargon getauft wurde, gegen die starke Konkurrenz der Laubbäume durchsetzen. Ohne Zutun des Menschen wäre sie hierzulande nur eine begrenzt vorkommende Art, die es in den meisten Bundesländern gar nicht gäbe. „Tatsächlich aber ist sie heute die zahlenmäßig stärkste Baumart in Deutschland und in allen Bundesländern anzutreffen. Besonders hoch ist ihr Anteil in Bayern, Thüringen, Sachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen“, schreibt Fenner im Robin-Wood-Magazin.

Im 19. Jahrhunderts begann der Mensch, den Wald über die Maßen zu nutzen. Die Bäume wurden zum Heizen, Kochen und Bauen verwendet. Dazu kam ein hoher Bedarf durch den Schiffs- und Bergbau und die Glashütten. Starkes Bevölkerungswachstum tat sein Übriges. Um dem industriell bedingten Holzmangel abzuhelfen, wurden schließlich auf den abgeholzten Flächen im großen Stil die schnellwüchsigen Fichten angepflanzt. So entstanden die heute so umstrittenen Monokulturen mit Picea abies.

„Ohne den menschlichen Einfluss“, sagt Fenner, „wären unsere heutigen Wälder zu über neunzig Prozent Laubmischwälder, überwiegend geprägt von Buchen und Eichen.“ Heute sind aber tatsächlich die Nadelbäume in der Mehrheit. Denn nicht nur die Fichte, auch die Kiefer ist zum Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft geworden. Beide eher anspruchslosen Arten sind damals für die Wiederbewaldung solcher offenen, ungeschützten und an Nährstoffen verarmten Flächen am besten geeignet gewesen. Die Aufforstungen mit Fichten betrachteten zwar viele Forstleute offenbar „nur als eine einmalig notwendige Maßnahme“, damit sich die übernutzten Waldflächen erholten; danach wollte man zu den naturnäheren Laubbäumen zurückkehren. „Doch zunehmende Industrialisierung und Wachstum der Städte ließen solche Überlegungen schnell wieder in Vergessenheit geraten“, schreibt Fenner.

Riskante Fichtenäcker
Klimawandel und anhaltende Stickstoffbelastung, die die Fichte ins Ungleichgewicht bringen, setzen diesem Baum zu. „Ihre Schwächung zeigt sich im häufigen Auftreten des Borkenkäfers und flächenhaften Windwurf bei Stürmen“, sagt der Präsident der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW), Wolfgang von Geldern.

Borkenkäfer können Fichtenbestände großflächig zum Absterben bringen. Parasitische, das Stammholz zersetzende Pilze wie der Hallimasch oder der Gemeine Wurzelschwamm können sich leicht über die gesamte Bestandsfläche ausbreiten. Anfällig für Sturmwürfe sind insbesondere solche Fichtenbestände, die auf zu feuchten oder zu dichten Böden angelegt worden waren. „Unter diesen Bedingungen bilden Fichten nämlich nur sehr flache und damit wenig Halt bietende Wurzelteller aus“, so Fenner.

Mittlerweile seien falsche Standortwahl, flächige Monokulturen und rigorose Kahlschläge „als fehlerhafte Praxis weitgehend akzeptiert“. Die Bereitschaft wächst also, Alternativen zu den risikobehafteten Fichten-äckern zu entwickeln. Durch den Umbau in stabile Mischwälder gehe der Anteil der Fichte auch schon zurück, sagt von Geldern. In den vergangenen zehn Jahren sei deren Anteil um zweieinhalb Prozent oder 242 000 Hektar gesunken, also in etwa um die Fläche des Saarlandes, teilt der SDW-Präsident mit.

„Die Fichte ist zum Symbolbaum für die erfolgreiche Wiederbewaldung in Deutschland geworden“, schreibt dagegen Fenner. Nun aber würde der Brotbaum „zum Notbaum der deutschen Forstwirtschaft werden“. Denn künftig werde die Fichte unter zu hohen Temperaturen und zu langer Trockenzeit leiden, prophezeit der Baumkenner. „Die Fichte gilt als diejenige Art, die wohl das schlechteste Anpassungspotenzial an die kommenden klimatischen Veränderungen unter den Waldbäumen hat.“

Laut regionaler Prognosen werden beispielsweise in Baden-Württemberg im Jahr 2050 „nur noch etwa fünf Prozent der Fichtenbestände auf einigermaßen geeigneten Standorten stehen“. Schlimmer noch: Selbst in den Hochlagen des Schwarzwaldes werde es nur noch suboptimale Klimaverhältnisse für sie geben, so Fenner. Seiner Auffassung nach wird die Fichte „zum Klimaflüchtling, der es selbst in seinem ursprünglichen Lebensraum nicht mehr aushält“.

> Mehr über die Fichte, über den Baum im Detail erfahren Sie unter www.baum-des-jahres.de

Oh je, Tannenbaum!

In deutschen Wäldern ist jeder vierte Baum eine Fichte (Picea abies) und nur jeder fünfzigste eine Weißtanne.

Zwei Jahrhunderte lang, als der Waldbau vor allem auf die schnellwüchsige Fichte (und die nordamerikanische Douglasie) setzte, um dem industriell bedingten Holzmangel abzuhelfen, diente Picea abies auch als Weihnachtsbaum. Seinen wissenschaftlichen Namen kann man mit „Tannenfichte“ übersetzen.

Mancher Christbaumverkäufer preist die Gemeine Fichte heute noch als „Rottanne“ an.

Doch 73 Prozent aller Christbäume sind mittlerweile Nordmanntannen (Abies nordmanniana), die aus dem Kaukasus stammen.

 

 
 
 

© 2017 Walhalla u. Praetoria Verlag GmbH & Co. KG | Impressum | Datenschutzerklärung