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Ausgabe Januar 2017
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Umweltbriefe

 

Rückbau der Atomkraftwerke
Abriss oder Einschluss

Warum werden nicht auch Rückstellungen für den Rückbau und die Entsorgung der Atomreaktorgebäude in einem öffentlich-rechtlichen Fonds gesichert? Diese Frage stellt sich der Sprecher der Anti-Atom-Organisation Ausgestrahlt, Jochen Stay. Ginge eines der Unternehmen pleite, sagt Stay, so sei das Geld für den Abriss der AKW verloren und müsse noch zusätzlich vom Staat aufgebracht werden. „Am Ende können so weitere Milliardenzahlungen auf die Allgemeinheit zukommen.“

„Schutzhülle“ wird gestrichen
Ungeachtet dessen stelle der parallele Rückbau vieler Atommeiler nach deren endgültigem Aus nicht nur für deren Betreiber, sondern auch für Behörden, Politik, Sachverständige, Umweltschützer und Anwohner eine Herausforderung dar, meint die atompolitische Sprecherin der Bundestags-Grünen, Sylvia Kotting-Uhl. Sie lud vergangenen November Experten und Umweltschützer zum Fachgespräch nach Berlin ein.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nennt drei Optionen: den schnellen Rückbau, den sicheren Einschluss – bis nach Jahrzehnten die Strahlung abgeklungen ist, dann der Abriss – und den ewigen Einschluss als stehen gelassenes Endlager, wie es beim kürzlich übergestülpten Sarkophag für die Atomruine Tschernobyl praktiziert wurde.

„Ein sicherer Einschluss wird künftig keinerlei Referenz mehr haben“, sagt Bernhard Massing vom Bundesumweltministerium. Jene Möglichkeit soll aus dem Atomgesetz gestrichen werden. Das sei aber ein Fehler, findet Wolfgang Neumann vom Gutachterbüro Intac. „Einschluss könnte nämlich noch eine Option werden, wenn man bedenkt, dass noch nicht mal Konrad 2023 sicher zur Verfügung stehen wird.“ Das Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll in Salzgitter wird derzeit geprüft, ob es noch Wissenschaft und Technik standhält.

Noch 600 Castoren sind zu füllen
Die AKW-Betreiber bevorzugen den schnellen Rückbau. Bis allerdings die Brennelemente im Abklingbecken so weit heruntergekühlt sind, dass sie in Castorbehälter verpackt und in ein Zwischenlager gebracht werden können, vergehen rund fünf Jahre. Für die alten Kernbrennstäbe seien noch 600 Castorbehälter erforderlich, meint der Leiter des Bereichs Stillegung und Entsorgung von Preussen-Elektra, Erich Gerhards: „Zwischenlager sind keine nachhaltige Lösung. Wir brauchen ein Endlager.“ Die Preussen-Elektra hieß bis Mitte 2016 noch Eon Kernkraft GmbH und ist verantwortlich für den Rückbau der AKW Brunsbüttel und Krümmel, später auch noch für das AKW Emsland, das Ende 2022 abgeschaltet wird.

Sein Unternehmen habe die meiste Erfahrung, betont Gerhards, weil es mit der Stilllegung der Altreaktoren Würgassen und Stade schon vergleichsweise fortgeschritten sei. Dennoch, so Gerhards: „Bis zum letzten Rückbauprojekt werden wir immer noch dazulernen.“ Eine detaillierte Rückbauplanung sollte bereits fünf Jahre vor der endgültigen Abschaltung beginnen, sagt Gerhards. Und: „Wir brauchen das Personal der Betriebsphase.“ Deren Anlagenkenntnisse seien auch für den Rückbau von herausragender Bedeutung. Anders sieht das Gerrit Niehaus vom Stuttgarter Energiewirtschaftsministerium. Das Betriebspersonal dürfe nebenbei nicht auch noch den Prüfungsbericht für die Stilllegung fabrizieren, fordert der Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit. „Das müssen andere Fachleute übernehmen.“

Öffentlichkeitsarbeit oder Öffentlichkeitsbeteiligung?
Während des Betriebs könne der Anlagenbetreiber zwar eine Stilllegung beantragen, sagt Intac-Gutachter Werner Neumann. Doch eine Öffentlichkeitsbeteiligung ginge zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dazu bedürfe es einer radiologischen Zustandsbeschreibung der Anlage. „Die kann erst erfolgen, wenn das AKW stillgelegt ist“, so Neumann. Der Ba-Wü-Beamte Niehaus findet auch nicht, dass Öffentlichkeitsbeteiligung stattfinde, sondern „Öffentlichkeitsarbeit“ gemacht werde. „Denn es gibt keinerlei Mitentscheidung von Seiten der Öffentlichkeit.“ Schließlich sei der Atomausstieg nie mit dem Strahlenrisiko begründet worden, „sondern wegen des Risikos einer Kernschmelze“. Dementsprechend fühlt sich die Öffentlichkeit auch nicht ernst genommen. Käme es dann doch mal zu einem Erörterungstermin, wie unlängst zum AKW Grafenrheinfeld, werde von Seiten der AKW-Betreiber nicht „inhaltlich argumentiert, sonder vorgelesen“, schimpft ein Teilnehmer.

Neues Produktionsziel: Schrott
Umstritten ist auch das „Freimessen“ der einzelnen Bestandteile eines AKW, wenn Rückstände wie Bauschutt und Metallteile nur noch so wenig Radioaktivität aufweisen, dass sie nicht mehr überwacht werden müssen. Fachmann Gerhards drückt das so aus: Der Abriss eines AKW habe „ein neues Produktionsziel: Schrott!“ Von der Gesamtmasse der atomaren Altlasten seien nur zwei Prozent radioaktiver Abfall. Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA hat einen Grenzwert von 10 Mikrosievert (µSv) festgelegt, unter dem radioaktive Stoffe nicht mehr als solche deklariert werden. Zum Vergleich: Die natürliche Dosis liegt auf Meereshöhe bei 0,3, im Gebirge bei 0,45 µSv. „Doch dieses Limit ist jetzt nicht in Granit gemeißelt“, sagt Werner Neumann vom BUND. Schließlich gibt es keine Dosis, die sicher ist. „Aber das Risiko nimmt ab, je geringer die Dosis“, sagt Christian Küppers vom Öko-Institut.

von Tim Bartels

> Die Vortragsfolien zum Fachgespräch AKW-Rückbau – Mammutaufgabe und Konfliktherd stehen zum Download bereit unter http://kotting-uhl.de/site/akw-rueckbau-mammutaufgabe-und-konfliktherd
> Grüne im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl, Platz der Republik 1, 11011 Berlin, Fon 030/227-74741, Fax -74762, sylvia.kotting-uhl@bundestag.de
 

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