UmweltBriefe -<wbr> Aus Kommunen und Forschung
HOME AKTUELL ARCHIV SUCHEN UEBER UNS IMPRESSUM PROBEABO MEDIADATEN
Ausgabe August 2017
 
Titel
Merk-Wuerdiges
Kommunen und Regionen
Aus Unternehmen und Forschung
Best Practice
Trends
Hintergrund
EU-Politik
Abfall
Immissionsschutz
Energie
Naturschutz
Mobilität
Klima
Publikationen
Bürgerinfo
 
  Umweltbriefe

Rückzug der Insekten

Nun ist das Thema in der Welt. Was zuvor nur in Fachkreisen und Fachblättern diskutiert wurde, hat es Mitte Juli in alle wichtigen Massenmedien geschafft: „Das Bundesumweltministerium warnt vor einem fortschreitenden Insektensterben in Deutschland“, so die dpa-Botschaft. Endlich schlägt also in Gestalt der obersten Umweltschützerin Barbara Hendricks mal eine Ministerin Alarm und nicht ein Wissenschaftler, der ungehört bleibt. „In Teilen des Landes habe sich der Bestand von Insekten seit dem Jahr 1982 um bis zu 80 Prozent verringert“, heißt es bei dpa weiter. Dieser Satz ist zwar in drei Punkten fahrlässig ungenau, doch ändert das nichts am beobachteten Trend des Insektenrückgangs. Dessen historische Vergleichsdaten hat der Entomologische Verein Krefeld allein auf dem 100 ha großen Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch in den Jahren 1989 und 2013 gehoben – mit Fallen an zwei Standorten. Ergebnis: „Der Verlust liegt bei über 75 Prozent der Biomasse gegenüber dem Bezugsjahr 1989.“ Die Entomologen fanden also 24 Jahre später nur noch ein Viertel der zuvor gefangenen Insektenmasse. Nur ein Einzelfall? Damit auf ganz NRW, gar auf Deutschland zu schließen, wäre unlauter. Doch es gibt noch weitere Beobachtungen, Erfahrungen und auch weitere wissenschaftliche Untersuchungen, die den Krefelder Befund woanders bestätigen.

Der Journalist Stephan Börnecke hat im Auftrag des EU-Grünen Martin Häusling seine Studie über den Artenschwund in der Agrarlandschaft (s. UB 02/16, S. 1) um Daten für den Insektenrückgang ergänzt. Er zitiert den Biologen Stefan Stübing, der zusammen mit anderen Kollegen bebachtet habe, „dass es zum Beispiel in Hessen praktisch keine Feldgrashüpfer mehr gibt“. Dieser Bioindikator sei von den Feldrändern verschwunden, „weil Landwirte bis fast auf den letzten Zentimeter ackern und spritzen und so kaum noch Abstand zu Wegen lassen“.

Wie Krefeld zeigt, macht der Niedergang der Kerbtiere aber auch in Naturschutzgebieten nicht halt. Ein weiteres NSG, das vom Sechsbeinerschwund betroffen ist, liegt bei Regensburg: Dort hatten Entomologen zwischen 1840 und 1849 noch 117 Tagfalterarten und Widderchen dokumentiert (s. UB 06/16). Zwischen 2010 und 2013 wurden 71 Arten beobachtet. Der Grund: Das NSG sei vergrast, schreibt Börnecke, „als Folge einer Eutrophierung aus der Luft: Stickstoff aus anthropogenen Quellen“. Wo dichtes Gras gedeiht, könne kein Falter mehr auffliegen noch landen. „Das Habitat ist für ihn vernichtet.“

Nicht nur vom allgemeinen Artenschwund unter den Insekten, sondern auch von der Abnahme der Individuen berichtet der Entomologe Lars Krogmann vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart: „Bei Arten, die vor einigen Jahren noch ganz häufig waren, haben wir ganz drastische Bestandsrückgänge von bis zu 95 Prozent“, wird der Kurator für Hautflügler zitiert. Unter denen sind die Wildbienen besonders betroffen: Von den 560 Wildbienenarten in Deutschland steht über die Hälfte auf der Roten Liste.

Weil die Forscher u.a. Insektizide aus der Stoffklasse der Neonicotinoide für den Kerbtierschwund verantwortlich machen (s.a. Bericht S. 10), unterzeichneten 77 Teilnehmer einer Hautflüglertagung in Stuttgart im Oktober 2016 eine Resolution. Sie fordern neben einem Verbot der Neonicotinoide ein Blütenmanagement und ein Langzeitmonitoring von Insekten auf repräsentativen Flächen in Deutschland. Dann würde möglicherweise signifikant werden, dass die historischen Vergleichsstudien Krefeld und Regensburg keine Einzelfälle sind.

von Tim Bartels

> Resolution zum Schutz der mitteleuropäischen Insektenfauna, insbesondere Wildbienen: https://www.uni-hohenheim.de/uploads/media/Resolution_Insektenschutz_Oktober_2016.pdf
> Die erweiterte Studie von Stephan Börnecke als PDF (80 S.) unter www.martin-haeusling.eu/images/Biodiversitaet_NEUAUFLAGE2017_Web.pdf
> Die Krefelder Studie: Mitteilungen aus dem Entomologischen Verein Krefeld. Vol. 1 (2013), pp. 1-5

 

 

© 2017 Walhalla u. Praetoria Verlag GmbH & Co. KG | Impressum | Datenschutzerklärung