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Ausgabe 18/12, 13. September
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Umweltbriefe

Energiesparen im Haushalt, Teil 29
Gehen Sie mehr zu Fuß!

Nach dem Essen sollst du ruhen oder tausend Schritte tun, spricht der Volksmund und zielt damit auf die wohltuende Wirkung ab, die etwas Bewegung entfalten kann – nicht nur nach einem Mahl. Als diese Volksweisheit geprägt wurde, genoss das Gehen als Mittel zur Fortbewegung noch hohes Ansehen. Heute haftet dem Zufußgehen jedoch das Image einer Mobilität für Arme an. Die Menschen sitzen lieber rückengepolstert am Steuer eines PKW und überlassen die Bewegung einem PS-starken Motor.

von Hartmut Netz

1. Gehleistung. Außer Haus geht jeder Bürger im Schnitt nur 600 Meter pro Tag zu Fuß. Würden die Deutschen ihre Gehleistung verdoppeln und dafür das Auto stehen lassen, blieben der Atmosphäre jährlich 1,5 Mio. t CO2 erspart, hat das Bundesumweltministerium errechnet. Zwar verbraucht auch das Zufußgehen Energie, jedoch nur in Form von Kalorien. Und gesund ist es allemal: Wer täglich mindestens eine halbe Stunde geht, hält sich fit und mindert das Risiko, an Übergewicht, Diabetes oder Bluthochdruck zu erkranken. Nicht von ungefähr versuchen die Krankenkassen, die Menschen mit Kampagnen aller Art für mehr Bewegung zu begeistern. Wer geht, kombiniert Prävention mit Mobilität, und kommt entspannt ans Ziel. Zudem schärft das Gehen die Sinne, denn wer zu Fuß geht, nimmt seine Umgebung bewusster wahr.

2. Grüne Wege. Die Berliner Stadtverwaltung hat die Vorteile des Fußverkehrs erkannt und versucht, Fußgängern das Leben zu erleichtern.. Das Wegesystem „20 grüne Hauptwege Berlin“ erschließt die Stadt fußläufig: Das Streckennetz umfasst 550 Kilometer, ist markiert und verbindet die Stadtteile mittels Gehwegen, Grünstraßen und Promenaden. Weitgehend unbehelligt vom Autoverkehr lässt es sich hier joggen, spazieren oder durch die Gegend schlendern. In seiner flächenmäßigen Ausdehnung und Netzdichte ist dieses Projekt einmalig in Deutschland, heißt es.

3. Bürgersteige. Doch Berlin ist ein Einzelfall. Im Rest der Republik schaut es weiterhin duster aus für Fußgänger. Noch immer werden Bürgersteige geplant, die nur anderthalb Meter breit sind: Maximale Schulterbreite 55 Zentimeter plus 10 Zentimeter Spielraum auf jeder Seite, das Ganze mal zwei für entgegenkommende Passanten: Fertig ist der Gehweg. Zwar heißt es in einer Empfehlung der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, Gehwege sollten mindestens zweieinhalb Meter breit sein, doch werde dies nur schleppend umgesetzt, kritisiert der Geschäftsführer des Vereins Fuss e.V., Bernd Herzog-Schlagk. Den Planern fehle es am Respekt vor dem Gehweg als Verkehrsraum und sozialem Ort. Gehwegparken sei grundsätzlich zu verbieten, Radwege müssten von Fußwegen getrennt werden.

4. Autogesellschaft. Den anhaltenden Trend zur Motorisierung verdeutlicht ein Blick in die Statistik: Während der Anteil der Autofahrten an allen in Deutschland zurückgelegten Wegen in den Jahren 1982 bis 2008 von 50 auf 58 Prozent stieg, fiel der Anteil der Fußwege im gleichen Zeitraum von 29 auf 24 Prozent. „Wir leben in einer Autogesellschaft“, sagt der Verkehrsexperte des ökologischen Verbands VCD, Heiko Balsmeyer: „In ihr Auto investieren die Menschen nicht nur eine Menge Geld, sondern auch viel Zeit.“ Viele stiegen ganz selbstverständlich ins Auto, um Brötchen zu holen, einen Brief einzuwerfen oder die Kinder in die Schule zu bringen. Laut Statistik ist jede vierte, mit dem Auto zurückgelegte Strecke kürzer als drei Kilometer – eine Entfernung also, die sich gut auch zu Fuß überwinden lässt.

5. Fußverkehr. Wo das Auto eine Gesellschaft derart prägt, haben es Fußgänger schwer. Gehende Menschen würden nicht als Verkehr wahrgenommen, klagt Balsmeyer. Entsprechend schlecht ist es in den Städten um die Infrastruktur für Fußgänger bestellt: Zu schmale Bürgersteige, auf denen sich die Menschen aneinander vorbeidrängen müssen; zusätzlich behindert durch dort aufgestellte Abfalleimer, Briefkästen, Lichtmasten, Parkscheinautomaten, Stromkästen und Verkehrszeichen.

6. Zebrastreifen. Überall dort, wo Fußgänger Straßen überqueren müssen, kann es richtig gefährlich werden. Vier Fünftel aller innerörtlichen Unfälle, an denen Fußgänger beteiligt sind, passierten beim Überqueren der Fahrbahn, berichtet Fuss e.V. Das deckt sich mit den Stichproben des ADAC aus dem Jahr 2009: Zwölf von 80 getesteten Zebrastreifen in Deutschland stufte der Autoclub als unsicher ein: schlecht beleuchtet, mangelhaft ausgeschildert und zu gefährlich, lautete der Befund.

7. Parke nicht auf unseren Wegen. Zusätzliche Gefahren drohen von Radfahrern und Gehwegparkern. Vor allem ältere Menschen fühlten sich auf Gehwegen, die für Radler freigegeben sind, bedrängt oder gefährdet, sagt VCD-Verkehrsexperte Balsmeyer. Nicht von ungefähr: Nur wenige Radfahrer halten sich beim Passieren von Fußgängern an die gebotene Schrittgeschwindigkeit. Noch mehr Gefahren gehen von Autos aus, die legal oder illegal auf dem Gehweg parken und die Sicht behindern oder gar zum Ausweichen auf die Straße zwingen. Für viele Autofahrer sei es normal, ihr Fahrzeug auf dem Gehweg abzustellen – auch wenn dies verboten sei, moniert der Fußgängerverband Fuss e.V. Ein Verhalten, dass viele Kommunen noch schürten, indem sie immer wieder Teile von Gehwegen zum Parken freigäben.

8. Straßenquerungen. Dabei wären gerade die Kommunen gut beraten, den Fußverkehr mit allen nur erdenklichen Mitteln zu fördern. Anders als Autos stoßen Fußgänger nämlich weder giftige Abgase aus, noch verlärmen sie die Gegend. Darüber hinaus beansprucht Zufußgehen vergleichsweise wenig Platz.„Gehen ist die effektivste Art der Fortbewegung“, sagt Fuss-e.V.-Chef Bernd Herzog-Schlagk. Und die kostengünstigste dazu: Fußverkehrsanlagen ließen sich meist mit wenig Geld optimieren, sagt der Verkehrsexperte. In Berlin hat sein Verein 825 Straßenquerungen unter die Lupe genommen. Fazit: Um alle Schwachstellen des Berliner Wegenetzes zu beseitigen, würden 5 bis 6,5 Mio. Euro genügen – für eine Großstadt wie Berlin kein nennenswerter Betrag, findet Herzog-Schlagk.

> Fuss e.V. nimmt Fußverkehrsanlagen unter die Lupe unter www.fussverkehrs-audit.de
> Fachverband Fußverkehr Deutschland (Fuss e.V.) Stefan Lieb, Exerzierstr. 20, 13357 Berlin, Fon 030/4927-473, Fax -972, info@fuss-ev.de, www.fuss-ev.de
 

 
 
 

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