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Ausgabe 22/12 8. November
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Umweltbriefe

 

Vogel des Jahres 2013
Meckern für die Himmelsziege

Häufig anzutreffen, gut zu beobachten und bewusst zu erleben sollte die gewählte Art sein – so lautete 2001 überraschend ein neues Kriterium für den Jahresvogel, der bis dato zumeist stark gefährdet und rar war. Die damit neu entfachte mediale Aufmerksamkeit gab dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und dem Landesbund für Vogelschutz zwar recht: Der Haussperling (mittlerweile auf der Roten Vorwarn-Liste) schaffte es in den Rang einer Tagesschau-Nachricht. Doch nun gilt es mal wieder Alarm zu schlagen für ein selten gewordenes Tier, das zumindest in Deutschland vom Aussterben bedroht ist. Der Vogel des Jahres 2013 ist die Bekassine.

von Tim Bartels

Gallinago gallinago, wie die Bekassine unter Ornithologen heißt, wurde als Botschafterin für den Schutz von Deutschlands Mooren und Feuchtwiesen ausgewählt. Um diese Biotope ist es hierzulande nämlich schlecht bestellt: 95  Prozent der heimischen Moore sind zerstört, zumeist trocken gelegt und urbar gemacht, und 90 Prozent des Grünlandes in Deutschland werden intensiv bewirtschaftet. Das ist fatal für die Bekassine, denn dort findet der taubengroße Vogel mit dem langen graden Schnabel im beige-braunen Federkleid keine Bedingungen mehr vor, die er zum Überleben braucht: eine wasserreiche Umgebung, die ihn vor Feinden schützt; artenreiche Wiesen und Weiden mit ausreichend Insekten zur Nahrung und unterschiedlich hoher Vegetation zum Verstecken. Auf Intensivgrünland sind die gedüngten Flächen, wenn die Bekassine einen Brutplatz sucht, bereits zu dicht und hoch gewachsen. Werden sie zudem entwässert, mangelt es auch an Überflutungen. Dort räumt der Schnepfenvogel wieder das Feld.

Die Bekassine hält nun mal ausschließlich nach extensiv bewirtschafteten Feuchtwiesen und Marschen, Mooren, Nassbrachen Ausschau oder an der Küste nach Salzwiesen oder Poldern. Deshalb kann man die Bekassine häufiger auch nur noch in den Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg antreffen. In Deutschland leben den Angaben des Nabu zufolge noch maximal 6 700 Brutpaare. Vor zwanzig Jahren waren es noch doppelt so viele.

Gallinago gallinago hat also allen Grund zu meckern. Und das tut der Vogel auch lautstark. Doch das Männchen will sich nicht beschweren, sondern wirbt so von Februar bis Mai um ein Weibchen. Die Vogeldame findet das „Wummern“ attraktiv, wenn das Bekassinen-Männchen zuvor in scharfem Zickzack bis auf 50 Meter Höhe steil aufgestiegen ist, um dann jäh zur Seite abzukippen. Nun spreizt es die Schwanzfedern zum Fächer und stürzt wieder im Sturzflug nach unten. Dabei entsteht durch den Wind dieser wummernde oder eben auch wie ein Meckern zu vernehmende Laut.

Ist die rein saisonale Partnerschaft beschlossene Sache, sucht das Weibchen einen Nistplatz aus. Es wählt dafür eine flache Mulde, die durch Halme oder Zwergsträucher verdeckt ist. Von Ende April an legt es vier Eier und brütet sie etwa zwanzig Tage lang aus. Das Männchen hält derweil in Sichtweite Wache. Nach dem Schlüpfen verlassen die Jungen bereits am ersten Tag das Nest und suchen schon selbst ihre Nahrung: neben Würmern, Schnecken und Insekten auch Beeren und Sämereien. Drei Wochen später startet der Nachwuchs seinen ersten Flugversuch. Und schließlich haben bereits Ende Juli viele in Nordeuropa brütende Bekassinen ihre Brutreviere wieder verlassen und ziehen ohne Eile nach Süden bis Südfrankreich, Norditalien und Südosteuropa.

Wie kann man diesen Moorvogel nun hierzulande retten? Schleswig-Holstein ist da vorbildlich: Dort sind fast alle Feuchtgebiete im Besitz der landeseigenen Stiftung Naturschutz. Andere Bundesländer setzen zum Schutz der Wiesenbrüter auf Vereinbarungen mit den Landwirten: In Verträgen werden zum Beispiel der erste Mahdzeitpunkt, ein Verzicht auf Düngung, die Steuerung der Bodenfeuchtigkeit oder die Mähmethode geregelt. Finanziert werden die Maßnahmen aus Agrarumweltprogrammen. „Und natürlich muss mit der Jagd auf Bekassinen endlich Schluss sein“, sagt Nabu-Vogelschützer Lars Lachmann. „Die Art gehört in der gesamten Europäischen Union dringend ganzjährig unter Schutz gestellt.“ Deshalb braucht die Bekassine, die auch Himmelsziege genannt wird, eine „meckernde“ politische Lobby.

> Ein reich bebilderte Broschüre zur Bekassine gibt es als PDF unter www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/vogelschutz/vdj/bekassine/broschuere_vdj2013.pdf
> www.vogel-des-jahres.de

Zahlen zur Bekassine

In Deutschland brüten nur noch 5 500 bis 6 700 Bekassinen- Paare – das ist nur noch die Hälfte des Bestandes von 1990.

  • In den 1970er Jahren galt die Bekassine noch als verbreiteter Brutvogel. Allein in Schleswig-Holstein gab es damals noch mehr als 10 000 Brutpaare.
  • Mittlerweile ist in fast allen europäischen Ländern ein Rückgang erkennbar. Für Europa schwanken aktuelle Schätzungen zwischen 930 000 und 1,9 Millionen Brutpaaren.
  • Je weiter man sich vom Meer ins Binnenland begibt, desto rarer macht sich die Bekassine. Zwei Drittel des mitteleuropäischen Bestandes von 24 000 bis 45 000 Brutpaaren leben in Polen.
  • Bekassine dürfen in vielen Ländern bejagt werden. Allein in der EU schätzt man einen jährlichen Abschuss von 500 000 Bekassinen.
     

 

 
 
 

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